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Lounge Talk, Folge 2: Keine Angst vor der KI

Auch die zweite Auflage unseres Lounge Talks zur „Zukunft der Kreativität“ im Mannheimer Werkhaus brachte wieder zusammen, was auf den ersten Blick gar nicht zusammen gehört: Sounddesigner Kurt Ader schilderte, wie er mit seinen Streichersounds für Synthesizer die musikalische Weltelite ausstattet. Unternehmerin Christina Barleben teilte ihre Vision, wie Smartphones intelligenter werden können. Und Forscher Dr. Stephan Baumann gab eine Einschätzung, wo Künstliche Intelligenz künftig Kreativität ergänzen – oder gar ersetzen – wird.

Sounddesigner Kurt Ader

Jahrzehntelang hatte Sounddesigner Kurt Ader davon geträumt, einmal ein Symphonieorchester ohne Abstriche auf einen Synthesizer zu bringen. Mit den bestehenden Alternativen war er nie zufrieden. Dann endlich sampelte er 2011 in wochenlangen Aufnahmen die Mannheimer Symphoniker und bearbeitete die Klänge zwei Jahre lang in seinem Studio nach. Mit dem Ergebnis wurde er 2014 in Los Angeles zum „Sounddesigner des Jahres“ gewählt. Seither steht das Telefon nicht mehr still. Zu Kurt Aders Kunden zählen heute Musiker der Metal-, Rock- und Popelite – von Dream Theater über Grönemeyer bis Beyonce. Auch über ein halbes Jahrzehnt später sind seine Sounds, allen rasanten Fortschritten bei Musiksoftware zum Trotz, immer noch das Maß der Dinge.

Dr. Stephan Baumann vom DFKI Kaiserslautern

Diese Art der kreativen Handwerkskunst sei so bald nicht durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen, sagte Dr. Stephan Baumann. Doch schon heute vollbrächten die neuronalen Netze bereits Erstaunliches. „Wir können KIs zu Experten ausbilden und beispielsweise auf Songs der Beatles trainieren – und anschließend eigene Beatles-Songs komponieren lassen“, schilderte Baumann, der am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern tätig ist. Einige Beispiele für künstliche Kompositionskunst hatte er im Gepäck. Das Publikum war verblüfft. KI sei weder positiv noch negativ zu sehen – sondern einfach Realität. In Frankreich sei eine KI sogar längst als Komponist anerkannt. Ob ihn das als Kreativen – Baumann ist selbst auch Musiker – nicht auch befremde, wollte Moderator Sebastian Callies wissen. „Der Synthesizer hat beispielsweise nicht das Orchester abgelöst, sondern ist eine Ergänzung und ein Werkzeug. Ich denke, so wird es in den nächsten Jahren auch mit der KI in den meisten Bereichen laufen“, so Baumann. Von Endzeit-Fantasien wie im Film Terminator hält Baumann nichts.

Smartphones sind noch gar nicht smart

Christina Barleben, Geschäftsführerin Thoughtfish

Auch die Berliner Unternehmerin Christina Barleben ist optimistisch. Die studierte Juristin fand ihren Weg über die Filmbranche ins Gaming – und kombinierte all diese Erfahrungen in ihrem eigenen Unternehmen „Thoughtfish“. „Wenn uns Software endlich wirklich individuell unterstützen kann, ohne uns zu überfordern oder zu bevormunden, gewinnen wir Zeit für die wirklich wichtigen Dinge und können sogar kreativer werden“, sagte Barleben. Bisher sei beispielsweise das Smartphone weit weg von einer intelligenten Nutzung von Daten. „Wieso bekomme ich im Winter bei einer Google-Suche nach Restaurants beispielsweise immer noch dutzende Biergärten angezeigt?“, fragte sich Barleben. Angesichts des Nickens im Publikum trifft sie mit dieser Frage offenbar einen Nerv. Ihr Entwicklerstudio hat daher eine Plattform gebaut, die Umgebungsdaten als „erweiterte Realität“ (Augmented Reality) auf Smartphones bringt – abgestimmt auf den Nutzer. So bekomme man beispielsweise bei einer Städtereise im Winter andere Restaurantvorschläge als im Sommer. Smartphone-Games können mit der Plattform ganz einfach Umgebungsdaten in ihre Welt integrieren.

Kreativität bekommt durch KI Helfer – und Wettbewerber

Die Erkenntnis des Abends: Bahnbrechende kreative Leistungen oder liebevolle Manufaktur-Arbeit werden durch Künstliche Intelligenz zunächst nicht bedrängt. Alle Tätigkeiten allerdings, die wiederkehrende Muster replizieren, bekommen mit KI nicht nur einen Helfer, sondern auch einen ernstzunehmenden Wettbewerber. Eine eigene Vision zu verwirklichen, wie es beispielsweise Kurt Ader mit seinem digitalisierten Sinfonieorchester oder Christina Barleben mit ihrer Unternehmensgründung getan haben, dazu wird KI allerdings noch lange nicht in der Lage sein. „Aber ich kann auch nicht in die Zukunft schauen“, betonte KI-Experte Baumann. Beim anschließenden Zusammentreffen an der Bar nutzten die Besucher die Chance, die Diskussion noch einmal zu vertiefen.

Danke an dieser Stelle dem Nationaltheater Mannheim für die gute Zusammenarbeit und die wunderbare Location.

Eindrücke in unserer Bildergalerie

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